Das Täufertum und die Freikirchen

„Das täuferische Erbe und seine Bedeutung für die Gegenwart“ war Thema einer Tagung des Vereins für Freikirchenforschung und der Theologischen Hochschule Elstal am 6. und 7. Mai 2022.

Im Jahr 2025 jährt sich zum 500. Mal die erste Gläubigentaufe, die als Beginn des reformatorischen Täufertums und der mit ihm verbundenen täuferischen Kirchen (u.a. Mennoniten, Baptisten) gilt. Seit dem Jahr 2020 nähern sich VertreterInnen aus verschiedenen freikirchlichen und landeskirchlichen Gemeinden unter dem Motto „gewagt!“ dem Täufergedenken in Themenjahren an. Eine Tagung des Vereins für Freikirchenforschung und der Theologischen Hochschule Elstal widmete sich nun der Frage nach der Bedeutung des täuferischen Erbes für die heutige Zeit.

Der baptistische Pastor Jens Stangenberg (Bremen) hob in seinem Vortrag hervor, dass die Täufer des 16. Jahrhunderts durch ihre kritische Haltung zum Bestehenden charakterisiert waren. Bei allem kritischem Hinterfragen stellten sie jedoch stets die Versöhnung in den Mittelpunkt. Die Täufer, so Stangenberg weiter, lebten eine „Wir-Gestalt“ des Glaubens: lebensfördernd, friedensstiftend und das Miteinander der Menschen in den täuferischen Gemeinden stärkend. Keine zentrale institutionelle Instanz machte Vorgaben. Dies förderte die Mündigkeit und war, so Stangenberg, im positiven Sinne „Anarchie“.

Dass auch die „blind spots“ einer Vergangenheit zur Sprache kommen müssen, darauf wies die Historikerin Astrid von Schlachta (Hamburg/Weierhof) hin. Die Mennoniten, heutzutage eine überzeugte Friedenskirche, standen in der Vergangenheit nicht immer zu ihrem Friedenszeugnis. Häusliche Gewalt, Unterstützung des Krieges beziehungsweise der Dienst an der Waffe gehörten immer wieder und spätestens seit dem 19. Jahrhundert überwiegend zum mennonitischen Leben.

Dazu zählte auch systemische Gewalt, wie einige Fälle sexuellen Missbrauchs in der neueren Zeit ans Tageslicht gebracht haben. Joel Driedger (Karlsruhe) verdeutlichte dies am Fall des mennonitischen Theologen John Howard Yoder.

Eine vom Vorsitzenden des Vereins für Freikirchenforschung, Andreas Liese (Bielefeld), geleitete Podiumsdiskussion rückte aktuelle freikirchliche Bünde und Neugründungen in den Mittelpunkt, die sich an den historischen Täufern orientieren. In Österreich und in Schweden etwa sind unterschiedliche Freikirchen in Bünden vereint und in Großbritannien versteht sich das „Anabaptist Mennonite Network“ nicht als Institution, sondern als Netzwerk. Im aktuellen Verlust der gesellschaftlichen Position der Christen sehen seine VertreterInnen die Chance, Kirche neu zu denken und „Ballast“ abzuwerfen.

Ein letzter Programmpunkt der Tagung widmete sich der Aufarbeitung der täuferischen Geschichte von Verfolgung und Martyrium im ökumenischen Kontext. Andrea Strübind (Oldenburg) und Lothar Triebel (Bensheim) zeigten an den Dialogen, die zwischen verschiedenen lutherischen, katholischen und mennonitischen Verbänden abgehalten wurden, dass trotz aller Bereitschaft zum Gespräch und zum gegenseitigen Verständnis die Täufer immer noch die „Sonderrolle“ einnehmen. Es ist in den Augen der „großen“ Kirchen keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sie zum pluralen Spektrum der Reformation zu zählen. Uwe Swarat (Elstal) sprach den Umgang mit den Verurteilungen der Täufer in der „Confessio Augustana“ von 1530 an. Es bleibt abzuwarten, welche Debatten darüber in den Jahren bis 2030 entstehen werden.

Die Tagung in Elstal hat deutlich gemacht, wie präsent das täuferische Erbe im Bewusstsein heutiger Kirchen und Gesellschaften ist. Allerdings hat die Tagung auch gezeigt, wie interessegeleitet Geschichtsschreibung ist und dass Geschichte deshalb immer wieder neu geschrieben wird.