Eine Ausstellung würdigt den Täufer Pilgram Marpeck als wegweisenden Ingenieur der Augsburger Wasserwirtschaft

AUGSBURG – Bis Ende September 2018 läuft im Augsburger Maximilianmuseum noch die bemerkenswerte Ausstellung „Wasser Kunst Augsburg – Die Reichsstadt in ihrem Element“. Sie unterstützt die Bewerbung der historischen Augsburger Wasserwirtschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe. Schon im Mittelalter brachten Kanäle Wasserkraft und frühe Industrialisierung ins Handwerkerviertel brachten. Wassertürme ließen in der frühen Neuzeit Prachtbrunnen auf dem Hochplateau sprudeln. Der Titel „Wasser Kunst Augsburg“ verweist auf die beiden Teile der Ausstellung. Der eine zeigt die topographischen und technischen Aspekte der reichsstädtischen Wasserwirtschaft. Die Exponate kommen vor allem aus den Beständen der Sammlungen vor Ort: Karten, Baupläne, Rechnungen, Holzmodelle, Stiche und Gemälde oder Realien, wie die Flußgöttinnen des Augustusbrunnens im Original, denn vor dem Rathaus eskortieren inzwischen Kopien den Stadtgründer. Der zweite Teil widmet sich der künstlerischen Darstellung des Themas Wasser. Viele Exponate auch hier aus Augsburg, gar manche Leihgaben aber von Museen aus aller Welt.

„Kunst“ bedeutet im Sprachgebrauch des Mittelalters und der frühen Neuzeit jedoch auch die handwerklich technische Fertigkeit, neudeutsch: Know How. Gerade die Fähigkeiten und Leistungen der Handwerksingenieure werden als Kunst bezeichnet. Einer dieser Ingenieure war auf der letzten Station seines bewegten Lebens der Täufer Pilgram Marpeck. Zusammen mit seiner Frau Anna lebte er von 1544 bis zu seinem Tod 1556 in Augsburg. Seine Fähigkeiten als Wasseringenieur waren der Stadt so wichtig, dass sie – anders als zwei Jahrzehnte zuvor – auch die von Marpeck geleitete Täufergemeinde duldete.

Marpecks zentrale Rolle für die weitere Entwicklung der Wasserkunst Mitte des 16. Jahrhunderts würdigt die Ausstellung erstmals überhaupt in Augsburg. Ein weiterer Schritt zum Verlassen der bis vor kurzem anhaltenden „damnatio memoriae“. An seinem damaligen Hauptwirkungsort etwa, den Wassertürmen am Roten Tor, nennen Inschriften viele verdiente Namen, der Name Marpeck fehlte bisher. Auch die städtischen Akten des 16. Jahrhunderts nennen ihn verschleiernd meist nur Meister Pilgram.

Zwei unscheinbare Exponate

Die jetzige Ausstellung verweist in zwei äußerlich eher unscheinbaren Exponaten auf Pilgram Marpeck. „Bericht der Brunwerck, wie sy gericht, geordnet und gehalten sollen werden, wie hernach volgt“ ist eine erst jüngst im Stadtarchiv entdeckte Gebrauchsanweisung zur Wasserwirtschaft aus Marpecks Feder. Wenige Monate vor seinem Tod ermahnt er die Verantwortlichen der Stadt, immer für ausreichend Nachwuchs an gut ausgebildeten Handwerkern zu sorgen, damit die anspruchsvolle innovative Technik nachhaltig betrieben werden könne. Das zweite Exponat ist zwar erst 1558, anderthalb Jahre nach seinem Tod, entstanden. Es dokumentiert jedoch einen der größten Erfolge seiner mehr als ein Jahrzehnt dauernden Anstellung: Eine erste Liste der ans entstehende öffentliche Leitungsnetz angeschlossenen privaten Wasseranschlüsse. Es war Marpeck, der diese weltweit wohl einmalige Pionierleistung möglich machte. Wer es sich leisten konnte, ließ sich einen privaten Wasseranschluss setzen und hatte damit ständig Zugriff auf fließendes Brunnenwasser. Die damit erzielten Einnahmen finanzierten von nun an nicht unwesentlich den enormen Aufwand, der in Augsburg in Sachen Wasser betrieben wurde.

Zu verdanken ist ein Großteil der Ausstellung samt dieser Würdigung Marpecks der Historikerin Barbara Rajkay. In mühsamer Kleinarbeit durchforstete sie das Stadtarchiv auf einschlägige Quellen zur Wasserwirtschaft. Dabei fand sie Marpecks Gebrauchsanweisung und erkannte ihre Bedeutung. In mehreren Aufsätzen im Katalog wertet sie ihre Forschungen aus. In ihrem Katalogaufsatz „Die Kunst des Machbaren“ erläutert sie ausführlich Marpecks Bedeutung als Wasseringenieur und geht auch ein auf sein Wirken als Täuferführer und die Stationen seines Lebens vor Augsburg, etwa auf seine Herkunft aus Rattenberg am Inn, wo er seinen Berufsweg als Bergwerksingenieur begann. Sie unterstreicht dies durch eine Bemerkung am Schluss des Aufsatzes: „Auch die Technik kam aus dem Montangewerbe, an der herausragenden Leistung Pilgram Marpecks ist nicht zu zweifeln.“ Was auch mit der alten Bezeichnung einer der Wassertürme am Roten Tor unterstrichen wird. Er sei Pilgrams Turm genannt worden.

Die kirchengeschichtliche und theologische Bedeutung Marpecks bleibt in der Ausstellung außen vor. Schade, auch eine theologische Abteilung der Ausstellung, hätte der Bewerbung Augsburgs zum UNESCO-Weltkulturerbe nicht geschadet. Gerade die Täufer hatten eine besondere Beziehung zum Wasser, nicht nur als natürliches Element, das in der Taufhandlung mit theologisch zeichenhafter Bedeutung versehen wird, sondern auch zum lebendigen Wasser, dem Wasser des Lebens, wie es in den Evangelien und der Offenbarung erwähnt wird, das es aber anders als den privaten Wasseranschluss umsonst gibt.

Die Ausstellung ist auf jeden Fall sehenswert. Ebenso die realen und teilweise noch funktionsfähigen Relikte in der Stadt.

Wasser Kunst Augsburg, Die Reichsstadt in ihrem Element, Katalog zur Ausstellung, Hg. Christoph Emmendörfer, Christof Trepesch, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2018, 450 S., im Museum 24,95 €. Maximilianmuseum Augsburg, noch bis 30.9.2018, Öffnungszeiten: Di – So, 10 – 17 Uhr, Do – 20 Uhr.

Wolfgang Krauß

Hilfe beim Auffinden authentischer Orte der Augsburger Täuferbewegung und des Wirkens von Pilgram Marpeck geben die Führungen von Wolfgang Krauß, Die andere Reformation, 0152-21627812, wolf@loewe-und-lamm.de