Die unvollendete Politik Jesu – zum 10. Todestag von John Howard Yoder

BAMMENTAL – “Wie hätte sich John Howard Yoder zur heutigen ökumenischen und politischen Tagesordnung geäußert?” fragte Wolfgang Krauß, Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees (DMFK), anlässlich des 10. Todestages von Yoder. Einen Tag nach seinem 70. Geburtstag war der bekannte mennonitische Theologe am 30.12.1997 in South Bend, Indiana an einem Schlaganfall gestorben. Wie etwa würde Yoder auf die vom Ökumenischen Rat der Kirchen behauptete militärische Schutzpflicht für bedrohte Bevölkerungen reagieren?

Die Netzseite theopedia.com behauptet in einer Skizze zu Yoders Theologie, er habe am Ende seines Lebens begonnen, über den Einsatz einer globalen Polizeitruppe nachzudenken, als Beispiel für begrenzten Gewalteinsatz, den auch Christen unterstützen könnten. “Nachgedacht hat er sicher darüber”, meint Krauß. “Denn er wollte seine ökumenischen Gesprächspartner wirklich ernstnehmen. Auch indem er die Lehre vom gerechten Krieg theologisch und politisch durchdeklinierte und in der konsequenten Anwendung ihrer Bedingungen einen kriegsverhindernden Faktor anerkannte. Andererseits wurde er nicht müde, auf die Krieg und Ungerechtigkeit legitimierende Funktion der Lehre vom gerechten Krieg in den konstantinischen Denkstrukturen gängiger Theologie und Politik hinzuweisen.” Anlässlich des Todestages skizziert Krauß Leben und Werk des wohl immer noch einflussreichsten mennonitischen Theologen unserer Zeit.

In seiner theologischen Arbeit betonte er, nicht Macht und militärische Gewalt seien die überlegenen Kräfte der Weltgeschichte, sondern gegen den Augenschein sei es die Jesus nachfolgende, gewaltfrei handelnde und das kommende Reich Gottes bezeugende Kirche Christi. Im Bündnis von Kirche und Staat habe die Kirche jedoch das Vertrauen auf Christus als den Herrn der Geschichte verloren. Die primäre Verantwortung der Kirche liege nicht darin, die Geschicke der Gesellschaft zu bestimmen und ihre Werte allen Bürgern, auch Nichtgläubigen, überzustülpen. Vielmehr sei sie berufen, “Kirche zu sein” und durch ihre gewaltfreie und herrschaftskritische Existenz Zeugnis zu geben, dass eine andere Gesellschaft möglich sei.

Yoders bekanntestes Werk ist das 1972 erschienene “Politics of Jesus”, 1981 auf Deutsch erschienene “Die Politik Jesu – der Weg des Kreuzes”. Aus einer Exegese des Lukasevangelium und des Römerbriefes verdeutlicht er, die Relevanz der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus für die gesellschaftliche Haltung der Kirche. Nachfolge Jesu führe zu einem radikalen Pazifismus, der in leidensbereiter Liebe die Maßstäbe normaler Politik umkehre. Dies sei die Berufung der ganzen Kirche und nicht nur einzelner Ausnahmechristen oder historischer Friedenskirchen.

Nach dem 2. Weltkrieg leistete Yoder im Auftrag des Mennonite Central Committee (MCC) praktische Friedensarbeit im kriegszerstörten Europa. 1952 heiratete er die Elsässerin Anne Marie Guth. In Basel promovierte er unter Karl Barth über “Täufertum und Reformation in der Schweiz”. Am Vorabend der Verteidigung seiner Dissertation soll er Barth eine ausführliche theologische Kritik von dessen Haltung zum Krieg überreicht haben: “Karl Barth and the Problem of War”, veröffentlicht 1970.
In zahlreichen weiteren kirchengeschichtlichen Einzelstudien beschäftigte er sich mit Theologie und Praxis der Täuferbewegung.

Yoder beteiligte sich maßgeblich am Dialog zwischen den europäischen Großkirchen und den historischen Friedenskirchen, etwa in den Puidoux-Konferenzen 1957-1962. Auch nach seiner Rückkehr nach USA war er häufiger Redner bei mennonitischen und ökumenischen Tagungen etwa im Rahmen des aus dem Puidoux-Prozess hervorgegangenen europaweiten Netzwerkes von “Church and Peace”. Er hatte großen Einfluss auf die Neubelebung des Friedenszeugnisses unter den deutschen und europäischen Mennoniten. In zahlreichen ökumenischen Kontakten auf allen Erdteilen suchte er das Gespräch mit Christen aller Konfessionen und lud ein zur Überwindung der, wie er es nannte, “konstantinischen Häresie”. Nicht auf militärische Gewalt sollten Christen vertrauen, sondern auf Christus. In seiner Nachfolge sollten sie den Weg suchen zur Überwindung von Gewalt.

Zurück in USA arbeitete er ein Jahr im Gewächshaus des Vaters in Ohio, dann lehrte er am mennonitischen Theologischen Seminar in Goshen und später an den Associated Mennonite Biblical Seminaries in Elkhart, Indiana. Dort war er Professor von 1965-1984. Später lehrte er als Professor an der katholischen Universität von Notre Dame in South Bend, Indiana. Dort starb er in seinem Arbeitszimmer vor nun 10 Jahren.

Yoders Wirkung vor allem in Nordamerika im übrigen englischsprachigen Raum ist kaum abzuschätzen. Die Zeitschrift “Christianity Today” zählte sein Hauptwerk “Die Politik Jesu” zur Jahrtausendwende unter die 10 wichtigsten theologischen Bücher des 20. Jahrhunderts.

Inzwischen wird sein theologischer Ansatz von einer neuen Generation junger Theologinnen und Theologen kritisch fortgeführt.

Auf Deutsch sind derzeit folgende Werke Yoders erhältlich:
John H. Yoder, Die Politik Jesu – der Weg des Kreuzes
Mit einem Vorwort von Jürgen Moltmann
Agape Verlag, Weisenheim am Berg 1981, 234 S., 10 €

John H. Yoder, Nachfolge Christi als Gestalt politischer Verantwortung
Mit einem Vorwort von Wilfried Warneck
1964, Neuauflage Agape Verlag, Weisenheim am Berg 2000, 88 S., 6.50 €

John H. Yoder (Hrsg.), Was würden Sie tun? Analysen und Texte zu einer Standardfrage an Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer – Mit Beiträgen von Leo Tolstoi, Joan Baez u.a., Agape Verlag, Weisenheim am Berg 1985, 99 S., 6.50 €

Hanspeter Jecker (Hrsg.), Jesus folgen in einer pluralistischen Welt:
Impulse aus der Arbeit John Howard Yoders
Agape Verlag, Weisenheim am Berg 2001, 169 Seiten, 11 €

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