Die Mennonitengemeinde Karlsruhe-Thomashof feierte am 21. Juni ihr 125jähriges Gemeindejubiläum und bekam dafür die Luther-Glocke der Evangelischen Gemeinde Durlach-Aue als Leihgabe. Die Beziehung der beiden Kirchen geht im Grunde bis auf die Reformationszeit und Martin Luther selbst zurück. Im Jahr 1517 brachte Martin Luther mit seinem berühmten Thesenanschlag die Reformation ins Rollen. In allen deutschen Landen kam es zu geistlichem Aufbruch und politischen Umbruch. Mit dabei war auch die Täuferbewegung, die nur mündige Menschen taufen wollte und den Kriegsdienst verweigerte. Die Täuferinnen und Täufer wurden schon ab 1525 polizeilich verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Gemeinsam mit anderen Theologen verfasste Martin Luther 1536 einen Brief an den Landgrafen von Hessen, in dem er die Todesstrafe für die Täufer forderte.

Heute steht die Evangelische Gemeinde Durlach-Aue in direkter kirchlicher Tradition von Martin Luther. In der Mennonitengemeinde wird Martin Luther ebenfalls geschätzt, die Mennoniten verstehen sich allerdings als Teil der Täuferbewegung. Ihr Name leitet sich von der täuferischen Führungsfigur Menno Simons ab. Hier begegnen sich also gewissermaßen die Nachfahren der Verfolger und die Nachfahren der Verfolgten wieder. 

Die Geschichte der Verfolgung wurde allerdings schon zu einer Versöhnungsgeschichte weitergeschrieben. Im Jahr 2010 wurde in Stuttgart ein großer Versöhnungsgottesdienst gefeiert. Der Lutherische Weltbund bat stellvertretend die Mennonitische Weltkonferenz um Vergebung. Die Mennoniten nahmen diese Bitte dankbar an, im Wissen, dass sie selbst auch nur aus der Gnade Gottes leben. Im vergangenen Jahr wurde die Versöhnung noch einmal vertieft. In der Schweiz, im Zürcher Großmünster, wo die täuferische Bewegung 1525 einen ersten Höhepunkt erlebt hatte und direkt von reformierten „Geschwistern“ verfolgt wurde, wurde ein Festgottesdienst zum 500-jährigen Bestehen der Täuferbewegung gefeiert. Darin wurde eine Zeremonie der Versöhnung eingebettet, wobei die Generalsekretäre von Mennonitischer Weltkonferenz und Reformiertem Weltbund sich gegenseitig die Füße wuschen. In Karlsruhe wurde zum 500-Jahre-Gedenken mit allen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen am 13. November 2025 ein Gottesdienst gefeiert. Darin bedauerten alle Kirchen gemeinsam ihr Fehlverhalten in der Vergangenheit und sprachen einander Versöhnung und Segen für die Zukunft zu. So entsteht also Versöhnung: durch gemeinsame Gespräche und gegenseitige Zeichen des Vertrauens! 

Dazu gehört auch die Ausleihe der Luther-Glocke. Dass die Evangelische Gemeinde ihre Glocke den Mennoniten anvertraute, und diese ausgerechnet eine Luther-Glocke laut klingen ließ, ist ein weiteres Zeichen der Versöhnung. Durch solche Zeichen wird die Versöhnung spürbar – sie klingt in den Ohren!

Eine Glocke hatte in der Vergangenheit unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen. Die einzige mennonitische Kirche mit Glocke steht in Worms-Ibersheim und läutet zweimal täglich (12 und 18 Uhr) sowie zu Veranstaltungen und bei allen Trauerfällen im Dorf, egal welchen Glaubens.

Die Glocke auf den Thomashof soll einladen. Natürlich zum Gottesdienst, aber auch einfach zum Innehalten. Das Läuten kann zu einem Moment der Dankbarkeit einladen, denn das Leben ist mehr als alles Materielle. Diese Glocke soll keine Machtdemonstration sein, sondern die Zusicherung geben: Hier am Ort ist eine Kirche und diese Kirche will für die Menschen da sein, und nicht umgekehrt.

Die ganze Leih-Aktion war übrigens nur möglich, weil die Glocke transportabel ist. Den Transport übernahm der Vorsitzende des Kirchenrats, der Steinmetzmeister Alexander Ringwald, höchstpersönlich auf gewohnt professionelle Weise (rechts im Bild). Der Vorsitzende der Mennonitengemeinde, der Schreinermeister Hermann Kärcher, nahm die Glocke dankend in Empfang. So beweglich wie diese Glocke, bleiben hoffentlich auch alle Kirchen in unseren unruhigen Zeiten, und lassen lebendig werden, was auf der Glocke fest eingeprägt ist: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.“

von Joel Driedger

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