Augsburgs historische Wasserwirtschaft wird Weltkulturerbe

Pilgram Marpeck, Wasseringenieur und Täufertheologe, legte erste Hausanschlüsse

Am 7.7.19 stimmte das Weltkulturerbekomitee UNESCO auf seiner turnusgemäßen Sitzung im aserbedschanischen Baku für den Antrag der Stadt Augsburg auf Anerkennung ihrer historischen Wasserwirtschaft als Weltkulturerbe. Damit gehört Augsburg zu derzeit 1.112 Weltkulturerbestätten weltweit, davon 43 in Deutschland.

Schon die Römer bauten an ihrem günstig zwischen den Flüssen Lech und Wertach gelegenen Stützpunkt erstes Wasserleitungen. In der frühen Neuzeit war die in Augsburg praktizierte Trennung von Abwasser, Brauchwasser und Trinkwasser vorbildlich. Die zahlreich im Handwerkervierel angelegten Kanäle stellten Wasserkraft für die dortigen Betriebe zur Verfügung und ermöglichten den Beginn der Industrialisierung noch vor Erfindung der Dampfmaschine. Aus heutiger Sicht besonders interssant: Wasserkraft ermöglichte in Augsburg eine ökologisch nachhaltige Energienutzung ohne CO² Ausstoß. Das könnten durchaus Anstöße enthalten für die heute notwendige Abkehr von der Ausbeutung fossiler Ernergieträger.

Im Laufe der fast zehnjährigen Vorbereitung von den ersten Überlegungen über die Antragstellung bis zur jetzigen Entscheidung der UNESCO wurde in Augsburg zunehmend auch der wichtige Anteil eines frühneuzeitlichen Bergbau- und Wasseringenieurs deutlich, der in den städtischen Dokumenten zu Lebzeiten fast nur als Meister Pilgram auftaucht, wohl um seine genaue Identität zu verschleiern. Als religiöser Dissident zu vielen Ortswechseln gezwungen, fand er in Augsburg schließlich Ruhe für das letzte Jahrzehnt seines Lebens, 1544 bis 1556. Pilgram Marpeck, um 1495 in Rattenberg am Inn geboren, war ursprünglich Bergrichter, d.h. Bergbauingenieur, in Rattenberg am Inn. Dort kam er in Berührung mit der Reformation und schloss sich der Täuferbewegung an. So musste er 1528 seine Heimatstadt verlassen, als die Täufer dort verfolgt wurden. Weitere Stationen waren u.a. Straßburg, St. Gallen und schließlich Augsburg.

Marpecks Anwesenheit in Augsburg war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Die Stadt profitierte von seinen technischen Fähigkeiten als Fachmann für Wasserwirtschaft und duldete dafür stillschweigend nicht nur seine dissidentische Theologie und Praxis, sondern auch die von ihm geleitete täuferische Gemeinde. Anderthalb Jahrzehnte zuvor war eine ansehnliche Minderheit von etwa 1000 Täuferinnen und Täufern noch kriminalisiert und vertrieben worden, einer ihrer Prediger sogar hingerichtet.

Tagsüber arbeitete Marpeck als Wasseringenieur, nachts als Theologe, heißt es in einer in USA erschienenen Biografie. Marpeck verfasste theologische Schriften zu den Kernanliegen der Täuferbewegung: Taufe, Abendmahl, Gewaltfreiheit, das Verhältnis von Staat und Kirche, Gemeinde in der Nachfolge Jesu … Er stellte er sich der Auseinandersetzung mit anderen reformatorischen Strömungenen, etwa mit den auch in Augsburg vertretenen Schwenckfeldern um den Spiritualisten Kaspar Schwenckfeld. Auch führte er einen ausgedehnten Briefwechsel und unternahm zahlreiche Reisen zu verschiedenen Gruppen der Täuferbewegung. Einig war man sich zwischen den auseinanderstrebenden Flügeln oft nur in der Ablehnung der Säuglingstaufe. Marpeck wollte in theologischen Grundfragen vermitteln oder wenigstens eine geschwisterliche Koexistenz bei fortbestehenden Meinungsverschiedenheiten erreichen.

Als einer der überlieferten Wohnorte Pilgram Marpecks und seiner Frau Anna gelten die Wassertürme am Roten Tor einer der zweiundzwanzig jetzt zum Welterbe erhobenen Stationen des Augsburger Wasserssytems. Zu den Leistungen Marpecks für das Wassersystem gehört die Erneuerung und der Ausbau des dortigen Brunnenwerkes, sowie die Erweiterung des Leitungsnetzes als grundlgender Infrastruktur für die weltweit ersten Hausanschlüsse. Auch war er für die Flößerei auf dem Lech zuständig. Holznachschub brauchte es auch für die hölzernen Wasserleitungen.

Bei der großen Ausstellung „Wasser – Kunst – Augsburg“ 2018 im Maximilianmuseum wurde Marpecks Rolle als Stadtwerkmeister angemessen gewürdigt und eine im Stadtarchiv aufgefundene Handschrift ausgestellt, die man als sein Testament bezeichnen könnte. Einige Monate vor seinem Tod gibt er darin, leider ohne technische Details, eine Art Gebrauchsanweisung für das Wassersystem und ermahnt die Stadt, immer genug Spezialisten für dessen Betrieb auszubilden.

Trotz gegenseitiger Rücksicht blieben Konflikte mit der Stadt nicht aus: 1553 wird Marpeck wegen geheimer Lehrtätigkeit verwarnt, 1544 ganz zu Beginn seiner Zeit in Augsburg wird ihm gar Verbannung angedroht. Am 8.7.1546 zu Beginn des Schmakaldischen Krieges verweigern sechs seiner Gemeindeglieder den bewaffneten Wachdienst auf der Stadtbefestigung. Sie werden am 29.7.1546 ausgewiesen. Doch bis zu seinem Tod bleibt Marpeck in städtischem Dienst und Sold.

Manche Forscher vermuten Anna habe als Hebamme gearbeitet. Pilgram stirbt im Unterschied zu vielen anderen Täufern 1556 eines natürlichen Todes.

Für die Inititative „Die andere Reformation“, die das Ziel verfolgt, die Täuferbewegung im heutigen Stadtbild wieder sichtbar zu machen, erklärte Wolfgang Krauß, er freue sich über die neue Rolle Augsburgs als anerkannte Trägerin des Weltkulturerbes. Es gelte dabei, nicht nur die technischen Leistungen abzuheben, sondern auch die sozialhistorischen Bedingungen dafür herauszuarbeiten. Das ließe sich bei der Person Marpecks anschaulich aufzeigen, sei aber bisher kaum geschehen oder zumindest nicht öffentlich kommuniziert. Fast hätte man noch bis vor kurzem meinen können, die althergebrachte „damnatio memoriae“, das bewusste Verschweigen und Vergessen unbequemer Minderheiten greife noch immer. Doch das habe begonnen sich zu verändern. Die neue Offenheit solle genutzt werden, Pilgram Marpeck und seine Rolle als Wasseringenieur und Theologe zu würdigen. Etwa durch eine Gedenktafel an den Wassertürmen am Roten Tor oder durch Benennung einer Pilgram-Marpeck-Straße. Zu Augsburgs Kulturerbe gehöre auch seine bisher kaum wahrgenommene Relevanz als Entstehungsort von Freikirche in der frühen Neuzeit.

Wolfgang Krauß