– Ein Impuls zur Weihnachtszeit von David Lapp Jost, DMFK

„Herzlich Willkommen in unserem Dorf! Hier könnt ihr unseren Erfolg sehen. Wir sind einen gewaltfreien Weg gegangen. Wir haben unser Leben hier weiterentwickelt. Als ich geboren wurde, hatten wir hier keine Schule, keine Klinik, kaum Strom, kein Internet und deutlich weniger Häuser. Dies alles haben wir aufgebaut.“ – So begrüßt uns Basil Adras, ein junger Mann in At Tuwani, einem palästinensischen Dorf, und überrascht mich mit seiner Zuversicht und seinem Stolz.

Im November war ich dort auf einer Solidaritätsreise gemeinsam mit einer Gruppe. At Tuwani wird täglich bedroht und leidet sehr unter der Gewalt von und Bedrohung durch Siedler, Soldaten und Polizei. Es ist mit großer Sicherheit zu befürchten, dass dieses Dorf komplett vertrieben wird, und manche arbeiten jeden Tag daran, seine Bewohner zu vertreiben. Die Politiker und Medien der großen, weiten Welt schauen meist einfach weg. Was bedeutet eine solche Einladung dazu, das Überdauern einer Familie und ihrer Nachbarn im Dorf als einen Sieg wahrzunehmen und zu bewundern?

Jedes Mal, wenn ich in Israel-Palästina bin, komme ich ermutigt zurück. Das liegt teilweise an der Schönheit, die ich dort sehen kann: die Stickereien, Töpfereien, Gewürzmischungen, Felder und Blumen, Märkte und Dörfer. Wir lernen Gott als Schöpfer kennen in der Bibel, und wenn wir die Kreativität in bedrohten Völkern sehen, sehen wir das Erbe Gottes immer noch am Wirken. Diese Hoffnung ziehe ich auch teilweise daraus, dass ich Menschen und Projekte und Gemeinden, die ich beim letzten Mal sah, immer noch als lebendig erlebe. Jeden Tag lese ich die schlechten Nachrichten: vom Mord eines dreijährigen Kindes in Gaza, von Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen, von Mord an Palästinensern und Israelis, und letzte Woche auch von vielen Juden in Australien. Wenn ich dann dort bin und sehe, dass das Leben doch weitergeht, ist das eine große Entlastung, eine Freude sogar.

Ich habe auch gelernt, die Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit unserer Medien und Politik als gefährlich zu betrachten. Genauso wie Menschen in der UdSSR oder in Südafrika in den 80er Jahren bekommen wir immer wieder mit: „Es kann sich nichts ändern. Wir können nichts dafür.“ Diese Behauptung und Voraussetzung ist selbst eine Waffe. Das Ziel? Uns zum Schweigen zu bringen. Verloren haben schon die, die aufgegeben haben.

Ich suche im Gegensatz Hoffnung. Dieses Mal schöpfte ich Hoffnung aufgrund einer völlig neuen Tatsache: aus dem großen Maß an Beton überall. Wir besuchten während unserer November-Reise fünf Dörfer oder Orte, wo die Menschen vor Ort großen Druck verspüren, ihr Zuhause zu verlassen. An allen diesen Orten ist das Leben unsicher. Gleichzeitig ist es aber auch so: Die Palästinenser sind selbst standfest, und sie sind nicht leicht aus ihren Häusern zu vertreiben. Die Vorfahren der Palästinenser haben die Römer aus Höhlen in den Bergen bekämpft – jetzt kämpfen fast alle Palästinenser gewaltfrei, um in ihrem Zuhause zu bleiben, und Stein und Beton schützen, wo die Gerichte und Auswärtigen Ämter und Medien scheitern.

Viel wichtiger als Beton ist eigentlich der unsichtbare Schutz, der durch die Liebe von Menschen entsteht. At Tuwani wird beschützt von den israelischen und internationalen Aktivist*innen, die das Dorf und seine Bewohner mit ihren eigenen Körpern verteidigen, und von den Israelis, die vor Gericht solche palästinensischen Dörfer kontinuierlich juristisch verteidigen. Wegen dieser Solidarität geht die Enteignung nicht so schnell voran. Basil Adra – der Co-Regisseur des Dokumentarfilms „No Other Land“, der uns in At Tuwani begrüßte – bat mich darum, im Lauf des Jahres 2026 eine Spendenkampagne zu organisieren. Wer sollte das Geld für At Tuwani bekommen? „The Center for Jewish Non-Violence, sie finanzieren uns.“ Das hat mich unglaublich berührt. Wie der Muslim, der bei dem terroristischen Anschlag in Australien diese Woche einen islamistischen Attentäter entwaffnete, um Juden zu schützen, zeigen jeden Tag zahlreiche Juden und Araber in Israel-Palästina die tiefe Bedeutung gegenseitiger Solidarität in Beziehung miteinander.

Zu Weihnachten muss ich immer an einen Text denken, den eine palästinensische jüdische Teenagerin vor 2.000 Jahren schrieb: „Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“. In den Augen der Politik, der Medien, der Mächte dieser Welt hat es keinen Sinn, dass ein schwaches Mädchen in einem Dorf wie Nazareth mit 130 Einwohnern so etwas schreibt. Genauso wie Basil Adras’ Ausspruch: „Hier könnt ihr unseren Erfolg sehen“ sich irgendwie richtig gewagt anhört, wenn sein Dorf so sehr bedroht ist.

Das Versprechen von At Tuwani und von Nazareth ist klar. Es gibt eine unsichtbare Welt, eine Welt, die oft mit Absicht vor uns verborgen wird, in der die Liebe und Macht Gottes auf dem Weg ist. Wir müssen auch häufig an diese Welt glauben, um mitwirken zu können: Wir können keine große Veränderung mitverwirklichen, wenn wir gar nicht daran glauben, dass sie möglich ist. Vorstellungskraft kultivieren und Hoffnung am Leben behalten: Dies sind absolut wesentliche Aufträge für uns.

Komm, Gott, in unsere Welt, und schenk uns deinen Geist der Inspiration und der Hoffnung! Amen.
David Lapp Jost

One thought on “Hoffnung und Resilienz in Israel-Palästina”
  1. Danke für den mutmachenden Bericht. Ich habe grad kürzlich den Film No other land gesehen und war von Basel und Yuval sehr beeindruckt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.